Interview mit Lydia Staltner, Vorstandsvorsitzende der LichtBlick Seniorenhilfe e.V.

Jörg: Wie lange gibt es den LichtBlick Seniorenhilfe e. V. schon?

Lydia Staltner: LichtBlick gibt es seit 2003. Seit insgesamt 15 Jahren unterstützen wir Rentner, die in Altersarmut leben und einsam sind. Oft können sich unsere Senioren wichtige Dingen des Lebens nicht leisten, weil ihnen die Rente einfach nicht mehr ausreicht.

Jörg: Und wie kam es zur Idee? Wie ist die ganze Initiative entstanden?

LS: Meine Mama ist Rentnerin und hat selber nicht viel. Ausschlaggebend war aber, dass ich immer eine alte Frau auf der Straße gesehen habe, die auch im Sommer mit Wintermantel rausgegangen ist. Und sogar bei 30 Grad Hitze hat sie immer die gleichen Winterschuhe angehabt. Ich habe mich dann gefragt, warum sie nichts anderes anzieht. Und irgendwann war mir dann klar, dass sie nichts anderes hat und sich auch nichts anderes leisten kann. Ich war aber zu feige, sie anzusprechen. Ich habe mir dann aber gesagt, dass ich einen Verein für alte Leute gründen will.

Jörg: Wie ging das dann los? Was waren die ersten Dinge, die Sie mit dem Verein umgesetzt haben.

LS: Als Erstes habe ich mir ein kleines und runtergekommenes Ladenbüro gemietet. Hier konnten die Menschen zu mir kommen und mit mir sprechen. Gleichzeitig habe ich dort das erste Geld ausgezahlt. Dann habe ich angefangen, mein Telefonbuch in die Hand zu nehmen und Firmen anzurufen. Die habe ich einfach gefragt, ob sie mir Geld spenden können. Außerdem habe ich Landratsämter sowie Sozialbürgerhäuser angerufen und ihnen gesagt, dass es LichtBlick jetzt gibt und sie jederzeit bedürftige Rentner vorbeischicken können, weil der Verein ihnen helfen will.

Jörg: Und die Idee war immer eine finanzielle Hilfe? War das einfach so, dass ältere Menschen ihre Geschichte erzählt haben und Sie haben dann 30€ auf den Tisch gelegt. Oder wie ist das anfangs gelaufen?

LS: Also ganz am Anfang haben mir ein paar Rentner gesagt, dass sie keine Schuhe haben. Und da ich sehr gut in München vernetzt bin, habe ich jemanden getroffen, der Schuhunternehmer ist und der hat mir dann Schuhe gespendet. Das habe ich gut gefunden und habe daraufhin unsere Bedürftigen angerufen und ihnen gesagt, dass ich ihnen Schuhe geben kann. Die haben gemeint, dass sie morgen gleich vorbeischauen. Am Tag darauf haben mich aber die meisten angerufen, dass sie heute doch nicht kommen. Ich bin sehr verwundert gewesen, warum mir alle absagen. Überraschenderweise sind dann aber alle am nächsten Tag gekommen. Mir ist dann erst klar geworden, dass die alle abgenutzte und löcherige Schuhe hatte. Die Rentner konnten gar nicht aus dem Haus gehen, weil es geregnet hat und sie keine regentauglichen Schuhe gehabt haben. Sie haben dann noch gemeint, dass sie froh sind, wenn sie jetzt auch bei Regen außer Haus gehen können. Da wurde mir klar, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Jörg: Und wie konnten Sie damit beginnen, Geld auszuzahlen?

LS: Ich habe ganz am Anfang mit zwei Firmen gesprochen, die mir jeweils 10.000€ gegeben haben. Dann hatte ich schonmal 20.000€. Wir haben Leute, die gekommen sind, überprüft, ob sie wirklich bedürftig sind. Wir haben uns da an öffentlichen Stellen orientiert, die die Bedürftigkeit überprüfen. Den wirklich Bedürftigen haben wir das Geld dann auf deren Konto überwiesen.

Jörg: Sie haben mir erzählt, dass Ihnen wichtig war, dass das Geld nicht mit einem Zweck verbunden ist, sondern dass sich die Leute auch mal was gönnen sollen. Das war auch schon immer Ihre Idee, oder? Sonst sind Geldspenden ja oft zweckverbunden!?

LS: Nein, die ersten fünf Jahre haben wir nur Soforthilfe gemacht. Das heißt, dass wir Mäntel, Schuhe, Kühlschränke und ähnliches verteilt haben. Auch die ersten Veranstaltungen für Rentner haben wir ausgerichtet. Nach fünf Jahren sind dann der Münchner Merkur und die Sparda-Bank München auf uns zugekommen und hat gefragt, ob wir gemeinsam ein Patenschaftsprojekt für alte Menschen machen wollen. Wir haben dann begonnen gemeinsam mit dem Merkur und der Sparda-Bank, Patenschaften für 35€ zu vergeben. Also alle Menschen, die wir bisher schon unterstützten, haben nochmal zusätzlich 35€ im Monat bekommen. Wir geben ihnen somit einen Teil ihre Würde und Wertigkeit zurück. Die bedürftigen Rentner können sich damit mal was gönnen. Sie können damit einen Kaffee trinken gehen oder sich was Besonderes zu essen kaufen, das sie sich sonst nicht leisten können. Eine Rentnerin ist beispielsweise Oma. Sie hat sich aber nie getraut, ihr Enkelkind zu besuchen und das obwohl ihre Tochter alleinerziehend ist. Sie hat sich so geschämt, dass sie ihrem Enkelkind nie ein kleines Geschenk kaufen konnte. Mit der Patenschaft konnte sie sich dann eine Kleinigkeit für das Enkelkind leisten. Dafür ist das Geld gedacht. Und das funktioniert jetzt so seit 10 Jahren.

Jörg: Dann kamen ja noch die Lebensmittelkarten hinzu. Wie ist das entstanden?

LS: Wir haben hier mit REWE und Penny kooperiert. Wir haben uns gedacht, dass viele der Menschen stark eingeschränkt sind und deswegen nicht so lange beispielsweise bei der Tafel stehen können. Wir haben auch Menschen dabei, die nur ein paar Euro über der Bemessungsgrenze liegen. Die haben keinen Berechtigungsschein für die Tafel. Die haben dann zu wenig zum Leben, aber zu viel für die Grundsicherung und Tafel. Wir haben uns gefragt, was wir dagegen machen können. Wir wollen ja nicht, dass diese Menschen hungern müssen. Wir haben ihnen dann Gutscheine für Penny oder REWE gegeben. Damit können sie dann eigenbestimmt einkaufen. Es ist uns wichtig, dass die Menschen aus dem Haus kommen und nicht mehr so einsam sind. Einsamkeit ist heute die neue Armut.

Jörg: Gibt es eine Regelung dafür, welche Rentner welche Hilfe bekommt? Kommt das im Gespräch raus oder bewerben sich die Leute dafür? Entscheiden Sie, wer was bekommt?

LS: Die Patenschaft bekommt jeder, der unter 500€ zum Leben hat. Die Lebensmittelgutscheine bekommt jeder, der über der Bemessungsgrenze für die Tafel liegt. Außerdem kriegen gehbehinderte Leute und Menschen, die keine Stunde mehr an der Tafel stehen können, Lebensmittelgutscheine. Die kriegen aber auch Leute, die sich nicht zur Tafel trauen, weil sie sich vor ihren Nachbaren wegen ihrer Armut schämen. Sie wollen nicht als arm abgestempelt werden. Das ist ein ganz großes Thema für uns, dass wir den Menschen ihre Würde zurückgeben. Sie sollen selbst einkaufen, was sie sich wünschen, ganz egal, ob sie sich Kartoffeln oder ein Kompott kaufen wollen. Das hat doch ein Mensch verdient, der unser Land aufgebaut hat.

 

Jörg: Was planen Sie jetzt mit den Einnahmen, die durch das Löffelkompott entstehen?

LS: Grundsätzlich finde ich, dass Essen zu Essen kommen sollte. Deswegen wollen wir die Einnahmen für Lebensmittelgutscheine ausgeben. Wir werden damit auch den Mittagstisch beim Münchener Hofbräuhaus fördern. Hier können Menschen für zehn Euro zum Essen gehen. Wir werden Ihre Spende grundsätzlich dazu verwenden, dass Menschen bei uns in Deutschland nicht hungern müssen und sich was zu essen kaufen können.

Jörg: Schön, da freuen wir uns sehr darüber. Eine letzte Frage noch: Wie ist das mit der Dimension, die ihr Verein angenommen hat? Am Anfang waren es 50 Bedürftige. Wie viele Leute sind jetzt dabei?

LS: Wir haben die letzten drei Jahre über 11.600 Menschen unterstützt, ob dauerhaft oder nur mit Einzelhilfen. Die meisten unterstützen wir aber dauerhaft.

Jörg: Und in ganz Deutschland?

LS: Viele unsere Bedürftigen kommen aus Oberbayern, aber wir sind in ganz Deutschland aktiv.

Jörg: Wie viel Geld brauchen Sie im Jahr, dass Ihr Verein läuft?

LS: Im vorherige Jahr haben wir 2,5 Millionen ausgegeben. Aber nur mit Kleinbeträgen. Mal für eine Brille, mal für Essen oder Medikamente. Also nur mit kleinen Hilfen.

Jörg: Wie wird es jetzt weitergehen? Jetzt sind es 15 Jahre. Wie geht´s die nächsten 10-15 Jahre weiter? Was ist Ihr Traum für den Verein?

LS: Mein Traum ist natürlich, dass es keine Altersarmut mehr gibt. Und, dass Unternehmer, so wie Sie, Altersarmut sehen und sagen, dass sie etwas für alte Menschen tun wollen. Denn mir liegen die alten Menschen am Herzen und ich hoffe, dass wir weiterhin so viele Spender und Menschen wie Sie an der Seite haben, weil dann gibt´s die LichtBlick Seniorenhilfe noch in 100 Jahren.